Title (deu)

EXKLUSIVE LEERZEICHEN - Teil 1 - Handbuch der exklusiven Leerzeichen

Author

Barbara Kremser

aka Barbara Ungepflegt

Description (deu)

Dissertation, 2022, CC BY-NC-ND 4.0 International Betreuung: Robert Pfaller, Carl Hegemann Abstract (Deutsch) „Die einzige Entschuldigung Gottes ist, dass er nicht existiert.“(Stendhal) Um sich einem Ding, einem Phänomen zu nähern, es möglichst treffend zu beschreiben, ist es oft hilfreich, zu definieren, was es - in diesem Fall das Leerzeichen - nicht ist: Im Unterschied zu Zeichen haben Leerzeichen ihre eigene Wirklichkeit im Griff. Sie sind leer. Leer im Sinne von „kenos“ (griech.), was den Unterschied zwischen Seiendem und Nicht-Seiendem ermöglicht. Leerzeichen werden gerne übergangen und bei etwaigen Calls und Ausschreibungen in Wissenschaft und Kunst inklusiv gesehen. „Abstract so und so viele Zeichen inklusive Leerzeichen.“ Kein Fisch im Vogelkäfig.
Was zählt sind Zeichen: „Bitte keine Leerzeichen in den Dateinamen.“ Das Leerzeichen enthält keine Information, dient scheinbar nur als Platzhalter. 
Leerzeichen schaffen und unterbrechen erwartete Ordnungen. Sie unterbrechen Texte, Straßen, Sitzreihen, Bonbonnieren, Gedanken; sie reißen Löcher auf, veranlassen zum Luftholen, verschaffen Distanz, beruhigen und irritieren gleichzeitig. Leerzeichen als Fixpunkte verstanden, die nicht nur Ordnung zentrieren, sondern überhaupt erst einen geordneten Kosmos im Chaos schaffen, tragen und verbinden Informationen, Soziales und Politisches. Beide, Leerzeichen und Zeichen, existieren, weil sie wechselseitig agieren: das Zeichen ragt in das Leerzeichen, das Leerzeichen nimmt dem Zeichen die Lufthoheit; ähnlich wie Carl Hegemann in seinem Essay „Glücklich im Unglück“ beschreibt, ragt das Glück ins Unglück (und umgekehrt) hinein. Das Leerzeichen erinnert an das Nichts, an die Endlichkeit. In das Loch, in den Abgrund schauend, das eigene Ende vor Augen, regt es an, darüber nachzudenken, „wofür es sich zu leben lohnt“. (Robert Pfaller) Diese Arbeit soll keine theoretische Abhandlung über Leerzeichen liefern, sondern mein Interesse an ihren Ausprägungen und Vorkommnissen in Alltag und Kunst erläutern. Es handelt sich hier nicht um einen kontinuierlich verfassten Text, als vielmehr um eine Sammlung von Fundstücken, Beobachtungen und Mitschriften, die in den letzten Jahren gewachsen ist. Die Arbeit besteht aus drei Teilen. Der erste Teil, das Handbuch der exklusiven Leerzeichen versammelt willkürlich Beobachtungen, Notizen, Bilder, Dokumente und Arbeiten, die Leerstellen aufweisen: so zum Beispiel der gerichtliche Beschluss meiner annullierten Ehe, die Zahnlücke, das seit über zwanzig Jahren brennende Loch in der turkmenischen Wüste oder der Blick ins Narrenkastel (to stare into space) - immer wieder tauchen Risse, Löcher und Lücken auf. Der zweite Teil dieser Arbeit widmet sich den exklusiven Leerzeichen in gendersensibler Sprache: Für diesen Anlass wurde Adolf Hitlers „Mein Kampf“ in gendergerechte und faire Sprache übersetzt, jedes einzelne Leerzeichen bei Worten mit geschlechtsspezifischer Konnotation eingefügt. In diesem Zusammenhang entstand auch eine Videodokumentation: Am österreichischen Nationalfeiertag, 26. Oktober 2021 las ich auf am Wiener Heldenplatz auf einer Parkbank den ersten Band (Dauer: 17h), am 9. November 2021 sprach ich in meiner Lesung des zweiten Bandes (Dauer: 3,5h) die gegenderten Worte laut im Münchner Hofbräuhaus aus. Der dritte Teil hat schließlich die plastische, räumliche Auseinandersetzung mit Leerzeichen und Zeichen der Leere im Blick: Die Installation Zentralspalt, verwandelt den Zwischenraum in meiner Wiener Wohnung in ein Epizentrum der (reziproken) Leerzeichen. Im Sinne Louis Althussers Überlegungen zu Leerzeichen - „Die flüchtige Anwesenheit wird zur unauffindbaren Abwesenheit.“ – werden Objekte, Dokumente und Videos aus dem Handbuch der exklusiven Leerzeichen sowie die Aufzeichnungen der Lesungen von „Mein Kampf in gendergerechter und fairer Sprache“ der Öffentlichkeit präsentiert. Zu dieser Arbeit haben mich maßgeblich zwei Erlebnisse inspiriert: ein mir immer wiederkehrender Traum (man könnte auch sagen eine Träumerei von einem Traum) und eine Anekdote aus der Kindheit meines Bruders. Der Traum: Ich frage mich, ob ich vergessen hatte, Kaninchen zu füttern. Kaninchen, die ich nicht sehen kann, da sie sich, wie es scheint, hinter einer verschlossenen Wand aufhalten. Die Sorge, die weggesperrten, nicht sichtbaren Kaninchen würden von mir vernachlässigt, ist nach wie vor groß. Neben dem Kaninchentraum hat mich die Erzählung meines Bruders zum Nachdenken über Leerzeichen bewogen: Ein Volksschulkollege meines Bruders schnitt sich die Karos aus seinem Karo-Pullover. Möglicherweise, um die Leerzeichen der Zeit zu erkennen. Abstract (Englisch) "The only excuse for God is that he does not exist"(Stendhal). In order to come closer to a thing, a phenomenon, to describe it as precisely as possible, it is quite often helpful to define what it - in our case the blank space - is not: Unlike signs, blanks or blank spaces have a grip on their own reality. They are empty. Empty in the sense of "kenos" (Greek), which enables the difference between being and not being. Blanks are readily passed over and seen as inclusive in any calls and invitations to apply in science and art. "Abstract such-and-such number of characters including blanks." No fish in a birdcage. Characters matter: "No blanks in filenames, please." The blank space contains no information, seems to serve only as a placeholder. Spaces create and interrupt expected order. They interrupt texts, streets, rows of seats, candy boxes, thoughts; they break open holes, provoke breathing, create distance, at the same time tranquillise and confuse. Blank spaces understood as fixed points which do not only focus on order but also create an organized universe in a chaos, they carry and connect information, social and political issues. Both blanks and signs exist because they act alternately: the sign projects into the blank, the blank takes away the sign's sovereignty - similarly to Carl Hegemann's essay "Glücklich im Unglück" ("Happy in Misfortune"), happiness project into unhappiness (and vice versa). The blank reminds us of the nothing, of our finiteness: looking into the hole, into the abyss, our own end in front of our eyes, it inspires to reflect on "what it is worth living for". („Wofür es sich zu leben lohnt“, Robert Pfaller) This paper is not intended to deliver a scientific treatise on blank spaces, but to illustrate my interest in their expressions and incidences. It is not a continuously written text, but a compilation of artefacts, reflections and notes that have been taken over the last years. The work has three parts. The first part, the Handbook of Exclusive Blank Spaces, assembles arbitrary observations, notes, images, documents and artworks that feature blank spaces: for example, the court order of my annulled marriage, the arrangement of the two fingers between Adam and God the Father in Michelangelo's fresco in the Sistine Chapel, the gap between teeth, the hole in the Turkmen desert that has been burning for over twenty years, or to stare into space - holes, gaps, cracks and yawns appear again and again. The second part of this work is dedicated to exclusive blank spaces in gender-sensitive language: for this occasion, Adolf Hitler's "Mein Kampf" was translated into gender-sensitive and fair (german) language, every single blank inserted in words with gender-specific connotations. In this context, a video documentation was also produced: on the Austrian National Day, on 26 October 2021, I was reading the complete first volume (17 hours) on a public bench at Vienna's Heldenplatz; on 9 November 2021, in my public reading (3,5 hours) of the second volume, I spoke the gendered words loudly in Munich's Hofbräuhaus. Finally, the third part focuses on the sculptural, spatial examination of blanks and signs of emptiness: The installation Zentralspalt, which transforms an interstitial space in a flat in Vienna into an epicentre of (reciprocal) blanks: Objects and documents from the Handbook of Exclusive Blank Spaces as well as video documentations of my performances, including the documentation of two readings of "Mein Kampf in gendergerechte und fairer Sprache" (1st and 2nd volume). "The fleeting presence becomes an untraceable absence." (Louis Althusser) Two experiences were the main inspiration for this work: a recurring dream (one could also say a reverie of a dream) and an anecdote from my brother's childhood. The dream: I wondered if I had forgotten to feed rabbits. Rabbits that I can't see because, it seems, they are behind a locked wall. The worry that the locked away, invisible rabbits would be neglected by me is still strong. Besides this rabbit dream, my brother's story got me thinking about blanks: one day, an elementary school classmate of my brother's cut the checks out of his check jumper. Possibly in order to recognise the blanks of the time.

Object languages

German

Date

2022

Rights

Creative Commons License
This work is licensed under a
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CC BY-NC-ND 4.0 International

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